Transgender Visibility Day 2026: Interview mit Anastasia Biefang
Anastasia Biefang ist seit 1994 Soldatin der Bundeswehr und war unter anderem in Afghanistan im Einsatz. 2015 outete sie sich als trans Frau. Sie war die erste trans Kommandeurin in der Geschichte der Bundeswehr und zugleich die erste Kommandeurin überhaupt. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich zudem ehrenamtlich bei QueerBw, der Interessenvertretung queerer Angehöriger der Bundeswehr, seit 2019 als stellvertretende Vorsitzende. Anlässlich des Trans Visibility Day haben wir mit ihr über Führung, Institutionen und die Bedeutung rechtlicher Anerkennung im Berufsalltag gesprochen.
Anastasia, was bedeutet Sichtbarkeit für Dich als Führungskraft in einer staatlichen Institution wie der Bundeswehr?
Sichtbarkeit bedeutet für mich Verantwortung. Als Führungskraft bin ich nicht nur für Auftragserfüllung zuständig, sondern auch für die Werte, die wir verkörpern. Sichtbar zu sein heißt, Haltung zu zeigen – für Vielfalt, für Respekt und für die Würde jedes einzelnen Menschen. Gerade in einer Institution wie der Bundeswehr, die stark durch Tradition geprägt ist, kann Sichtbarkeit Räume öffnen: für Gespräche, für Veränderung und für Menschen, die sich sonst vielleicht nicht gesehen fühlen.
Hat sich der Umgang mit Vielfalt und insbesondere mit trans Personen in der Bundeswehr in den vergangenen Jahren spürbar verändert?
Ja, es hat sich spürbar etwas bewegt – sowohl strukturell als auch kulturell. Themen wie Vielfalt und sexuelle Identität werden heute deutlich offener angesprochen als noch vor einigen Jahren. Die aktive Arbeit von QueerBw, neue Netzwerke, Sensibilisierungsmaßnahmen und auch politische Impulse haben dazu beigetragen.
Gleichzeitig ist Veränderung in einer großen Organisation wie der Bundeswehr nie linear. Es gibt Fortschritte, aber auch Reibungen. Entscheidend ist, dass Vielfalt zunehmend nicht mehr als Randthema gesehen wird, sondern als Teil von Professionalität und Führung. Eine starke und verteidigungsbereite Bundeswehr wird es ohne Vielfalt nicht geben.
Was bedeutet rechtliche Anerkennung für trans Menschen konkret im Berufsalltag? Wo siehst Du Fortschritte, wo weiterhin Handlungsbedarf?
Rechtliche Anerkennung bedeutet im Alltag vor allem eines: Verlässlichkeit und Würde. Wenn Name und Geschlecht korrekt geführt werden, wenn Dokumente stimmen und Verfahren klar geregelt sind, reduziert dies enorm Stress und schafft Sicherheit. Fortschritte sehe ich insbesondere in der zunehmenden rechtlichen Klarheit und Sensibilisierung. Handlungsbedarf besteht aber weiterhin bei der praktischen Umsetzung: Das sehen wir aktuell bei der zuletzt erlassenen Handlungshilfe zum Selbstbestimmungsgesetz. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Auch Prozesse müssen schneller, einheitlicher und unbürokratischer werden. Und vor allem braucht es weiterhin Aufklärung – denn rechtliche Regelungen allein verändern noch keine Haltung.
Welche Rolle spielt eine inklusive Führungskultur für die Einsatzfähigkeit und Professionalität einer Organisation wie der Bundeswehr?
Eine zentrale Rolle. Einsatzfähigkeit basiert auf Vertrauen, Zusammenhalt und klarer Kommunikation. Wenn Menschen sich nicht verstecken müssen, sondern als sie selbst Teil des Teams sein können, stärkt das genau diese Faktoren. Inklusive Führung ist daher kein „Soft Skill“, sondern ein operativer Erfolgsfaktor. Sie erhöht die Motivation, reduziert Reibungsverluste und sorgt dafür, dass wir das volle Potenzial unserer Soldatinnen und Soldaten nutzen können.
Welche Botschaft möchtest Du jungen trans Menschen mitgeben, die eine Karriere in staatlichen Institutionen oder sicherheitsrelevanten Bereichen anstreben?
Traut euch. Steht zu Euch. Bringt Euch ein und gestaltet diese Institutionen mit. Ihr gehört genauso dorthin wie alle anderen auch. Es wird nicht immer einfach sein – aber Veränderung passiert genau dann, wenn Menschen den Mut haben, ihren Platz einzunehmen. Sucht euch Verbündete, vernetzt euch und bleibt euch selbst treu. Eure Perspektive ist wertvoll, auch – und gerade – in sicherheitsrelevanten Bereichen. Und: Ihr seid nicht allein.




